Der Symbolcharakter der Rose

Die Rose erlaubt eine große Vielfalt von symbolischen Anwendungen. Schon das Buch der Weisheit (2. Kap., Vers 8) legte den Sittenlosen den folgenden Satz in den Mund: „Bekränzen wir uns mit Rosen, ehe sie welken.“ In der alten Welt war das Bekränzen mit Rosen ein Ausdruck der Freude, oft einer weltlichen, sündhaften Freude, ohne irgendwelchen Bezug auf Gott, wenn nicht gar gegen ihn. Gerade weil die Rose auf diese Art und Weise mit dem liederlichen Leben der Heiden und sogar mit der heidnischen Götterverehrung in Verbindung gebracht wurde (sie bekränzten ihre Götterstatuen mit Rosen, um so die Hingabe des Herzens zum Ausdruck zu bringen), weigerten sich viele unter den ersten Christen entschieden, bei der Verehrung des wahren Gottes einen analogen Gebrauch davon zu machen. Sie lehnten alles ab, was ihnen etwas aus jener Welt, mit der sie radikal gebrochen hatten, in Erinnerung rufen könnte. Deshalb wurden Figur und Symbolismus der Rose zum großen Teil aus den Gebetsformeln, dem Schmuck der Kultstätten, den heiligen Geräten, den liturgischen Paramenten (Kleidung der Priester während der religiösen Zeremonien) und sogar aus persönlichen Schmuckstücken verbannt. So erklärt sich das fast völlige Fehlen von Rosendarstellungen in den römischen Katakomben. Nach der Konsolidierung des Sieges des Christentums über das Heidentum und dem Ende der Verfolgungen der ersten Jahrhunderte verblasste nach und nach die Erinnerung an jene Verknüpfung mit Laster und Sünde, und die Christen öffneten sich immer mehr dem metaphorischen und symbolischen Gebrauch der Rose. An erster Stelle wurde die Metapher natürlich auf die erhabenste aller reinen Geschöpfe, auf die heiligste Jungfrau Maria, angewandt, die in der Lauretanischen Litanei Rosa Mystica genannt wird (die Lauretanische Litanei besteht aus einer Reihe von Anrufungen der Muttergottes, die im Heiligtum von Loreto (auf Latein Lauretum) in Italien in Gebrauch waren und die nach dem Rosenkranz gebetet zu werden pflegen). Inschrift im Bild: Ein Geheimnis der Natur die edle Rose ist, das Geheimnis aller Gnad, du, o Maria: bist. Quelle: „Der Rosenkranz, die Lösung für unsere Zeit“ – Antonio Borelli Machado – DVCK e.V., Frankfurt, 1999. S. 41. Bild: Maria Brünnlein - Fresko von Johann Baptist Zimmermann: Rosa mystica (Geheimnisvolle Rose) photographed by Hermetiker. In commons.wikimedia.org