Pflegst du zu beten?

Pflegst du zu beten?

Mons. Tihamér Tóth – „Religion“ und Jugendbildung

Und du? Pflegst du zu beten? Was der Maimorgentau der grünenden Natur, das ist für die Menschenseele das Beten: es erfrischt sie, macht sie schöner, kräftiger, fruchtbarer.

Ohne Regen gibt es keine Frucht, ohne Nahrung kein Leben und ohne systematisch verrichtetes Gebet gibt es weder seelische Frucht, noch seelisches Leben. Das Gebet, das ordentlich, pünktlich verrichtete, ist ein belebender Regen, Stärkung für die Seele.

Pflegst du systematisch, pünktlich zu beten, mein Junge? Ich frage nicht, ob es dir nie passiert, dass du während des Gebetes vor Müdigkeit einschläfst, oder dass deine rege Fantasie während des Gebetes hin und her schweift. Solchen Störungen lässt sich kaum ganz aus dem Wege gehen.

Sondern, wenn ich dich frage, ob du zu beten pflegst, meine ich, ob in dir jener wahre, lebendige, anbetende Sinn lebt, welcher es für eine Freude und Auszeichnung ansieht, dass der allmächtige Gott sich mit dir winzigem Staubkorn überhaupt in ein Gespräch einlässt. Denn dieses Gebet ist: die frische, warme Berührung der Seele mit Gott. Groß ist die Eiche, wenn sie zwischen niederem Gesträuch steht; von einem Flugzeuge betrachtet ist sie aber ein winziges Pünktlein. Wie unendlich klein mag also ich sein in den Augen des unendlich großen Gottes!

Wenn du einmal so recht tief gefühlt hast, was für ein Vorrecht es ist nur für dich, den Menschen, dass du dein Herz vor Gott ausschütten, dein Leid ihm klagen, seine Hilfe anflehen kannst, dann wird es nie nötig sein, dich zum Beten anzuhalten. Es mag vorkommen, dass du dich einmal verschläfst, dich mit dem Frühstück beeilen musst und so dein Gebet nicht verrichten kannst. Das ist nicht schlimm! Dein frommer Sinn bürgt dafür, dass du dein unterbliebenes Morgengebet tagsüber mit Stoßgebeten nachholen wirst. Vielleicht kommst du von einem Ausfluge todmüde nach Hause, die Augen wollten dir zufallen während des Abendgebetes; aber du nimmst dich zusammen und lässt das Gebet doch nicht.

Wer weiß, was Beten heißt und warum man beten soll, der betet freiwillig, der betet gerne, der betet mit dem Herzen und nicht nur mit den Lippen, der betet richtig. Die offene Kirchentür, an der er vorbeigeht, lädt ihn zu einem kurzen Besuch ein; der prächtige Wald, in dem er wandert, stimmt ihn andächtig; er betet, wenn er sich freut; er betet, wenn ihn die Sünde lockt, und er betet, wenn er Schweres leiden muss.

„Ich habe keine Zeit zum Beten!“ sagt mancher Junge. „Morgens wache ich erst im letzten Augenblick auf, und abends bin ich zu müde.“ Natürlich! Stehe aber morgens fünf Minuten früher auf, als du gewohnt bist; fange abends dein Gebet fünf Minuten früher an, als du zu Bette gehst (das ist doch nicht viel!), und du wirst immer Zeit zum Beten haben.

Fünf Minuten! Von den 24×60, d. h. 1440 Minuten des Tages kannst du dir wohl 2×5 Minuten Gott zu Ehren absparen. Es bleiben dir noch 1430, die gehören ganz dir! Herr, wir gehören dir ganz, und alles, was wir besitzen, ist von dir; wenn wir beten, geben wir dir nur, was dein ist.

„Wir haben aber gelernt, es sei noch keine Sünde, wenn das Gebet manchmal unterbleibt!“ Siehst du, da denkst du wie ein kleines Kind. „Keine Sünde.“ Natürlich ist es keine! Aber Gott gegenüber musst du nicht rechnen und fortwährend abwägen, was Sünde ist und was keine ist, und nur gerade so viel tun, dass du der Sünde irgendwie ausweichst, sondern halte dir vor Augen, wie wichtig es ist, jeden Tag gründlich dein Gebet zu verrichten, damit du nicht viel lauer wirst im Guten und den Versuchungen gegenüber. Bedenke, wieviel schwächer du jedes Mal warst an dem Tage, an dem du nicht gebetet hast.

Quelle: Mons. Tihamér Tóth – „Religion“ und Jugendbildung

Mons. Tihamér Tóth (1889–1939) war ein katholischer Bischof, Universitätsprofessor und einer der bedeutendsten Jugendseelsorger des 20. Jahrhunderts. Seine Werke richteten sich besonders an junge Menschen und wollten ihnen helfen, ihren Glauben, ihren Charakter und ihre moralische Haltung zu stärken.